Herr Blanc
Roman, 220 Seiten
Limmat Verlag, Zürich 2009
dtv, München 2011 (Taschenbuch)
Textauszug
Wie immer wurde die Tür sorgfältig in den Rahmen gezogen, die Klinke ganz heruntergedrückt, und erst dann, als die Tür im Rahmen war, wurde die Klinke langsam wieder nach oben gelassen; der Schlüssel drehte sich zweimal im Schloss, so dass die Tür doppelt verschlossen war, wie Herr und Frau Blanc zu sagen pflegten, er hörte noch, wie der Schlüssel herausgezogen wurde, und dann war Stille, wie immer.
Keine Schritte, keine Schuhe, die wegen der hohen Absätze laute Geräusche machten – Vreni trug niemals Schuhe mit hohen Absätzen. Außerdem wäre es nicht richtig gewesen, in Schuhen mit hohen Absätzen zum Friedhof zu gehen, die dünnen Absätze wären in der feuchten Erde versunken, Vreni wäre sich vorgekommen wie ein Flittchen, und ihre wöchentlichen Besuche bei Norbert auf dem Friedhof wären unglaubwürdig geworden: nicht nur, weil dünne, hohe Absätze sie wie ein Flittchen aussehen ließen, sondern weil Norbert tatsächlich nicht mehr der Einzige war, sie wieder geheiratet hatte und die dünnen, hohen Absätze ein Symbol dafür waren und es Norbert zur Schau gestellt wurde – ebenso gut hätte sie ihn gemeinsam mit ihrem neuen Mann besuchen können. Armer Norbert! Sie war ihm untreu geworden, doch einmal in der Woche ging sie ihn besuchen und sprach zu ihm, sie wollte, dass er glücklich war und dass er ihr verzieh.
Das waren die Gedanken von Herrn Blanc, solche und ähnliche Gedanken hatte er jede Woche, wenn seine Frau zum Friedhof ging. Er saß in seinem Sessel, den Mund leicht geöffnet, hörte ihre letzten Vorbereitungen, und nachdem die Tür geschlossen worden und nichts mehr von Vreni zu hören, sie verschwunden war, malte er sich aus, was sie tat und was sie dachte. Inzwischen konnte er ihre Gedanken schon sehr gut denken.
Herr Blanc erhob sich von seinem Sessel und ging langsam in Richtung Küche. Vreni würde eine gute Stunde weg sein, und so lange hatte er das Haus für sich. Es war ein Vorteil, dass Donnerstag und Freitag seine freien Tage waren: Vreni ging immer donnerstags zu Norberts Grab, und da er zu Hause war, wusste er, wann sie das Haus verließ und, vor allem, wann sie wieder zurückkam. Er konnte sie ansprechen, wenn sie einmal länger gebraucht hatte. Er konnte sie fragen, ob sie unterwegs jemanden getroffen habe, und da Vreni verneinte, wusste er, dass sie ein wenig länger zu Norbert gesprochen hatte.
Herr Blanc war im Flur angekommen, wo Vreni noch vor wenigen Minuten gestanden und den Regenmantel angezogen hatte. Obwohl er noch nicht weit über sechzig Jahre alt war, ging er langsam und schwerfällig, doch seine Schritte wirkten sicher, so als wüsste er genau, warum er unterwegs war und was er tat. "Langsam, aber unaufhaltbar", sagte er manchmal scherzhaft, wenn er darauf angesprochen wurde. Jetzt war er auf dem Weg in die Küche, weil er Schokolade naschen wollte. In einer Stunde würde Vreni in den Kühlschrank schauen und sehen, dass die Tafel Schokolade nicht nur geöffnet, sondern ganz aufgegessen war, und sie würde ihm ihre Meinung sagen, denn er durfte nicht so viel Schokolade essen, doch ihre Meinung und jene des Arztes waren ihm egal. Wenn er Vreni gewesen wäre, hätte er schon lange ein Schloss an der Kühlschranktür angebracht, aber auf diesen Gedanken kam Vreni nicht, und so erschrak sie fast jedes Mal, wenn sie die Kühlschranktür öffnete: entweder war die Schokoladentafel verschwunden oder die Verpackung lag noch da, jedoch leer. Es gelang ihm immer, etwas zu naschen, Vreni konnte nicht den ganzen Tag in der Küche bleiben, sie musste die Betten machen, einkaufen oder auch einmal auf die Toilette gehen, alles Gelegenheiten, die er wahrnahm, und er gefiel sich dabei. Heimlich genoss er, sie austricksen zu können, und er glaubte, dass sie dieses Spiel im Grunde mochte, selbst wenn sie es niemals zugab. Schließlich war sie diejenige, die immer wieder Schokolade, Trauben und andere Dinge kaufte, die viel Zucker enthielten.
Wie immer öffnete Herr Blanc die Küchentür und machte das Licht an, es war ein verregneter Tag, und obwohl erst vier Uhr nachmittags, war es draußen dunkel, als würde bereits der Abend beginnen – eine gute Zeit, den Fernseher anzumachen. Wäre Vreni hier, würde sie nun, als könnte sie Gedanken lesen, die Fernbedienung holen.
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